Kultur

Exquisiter Musikgenuss

Hervorragende Musiker und populäre Kompositionen sind zur Eröffnung der Weilburger Schlosskonzerte zu hören. Countertenor Bejun Mehta begeistert dabei auch als Dirigent im Renaissancehof. Elegant und temperamentvoll klingen die Bochumer Symphoniker unter Leitung von Raphael Christ.
04. Juni 2019, 21:08 Uhr
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Raphael Christ

Der zu den Spitzenkünstlern seines Fachs zählende Sänger Bejun Mehta hat auch als Dirigent zusammen mit dem HR-Sinfonieorchester seinem Publikum einen erlesenen Abend beschert. Er war erstmals zu Gast bei den Weilburger Schlosskonzerten. Ein Auftaktwochenende der sommerlichen Reihe wie aus dem Bilderbuch, mit milden Temperaturen und blauem Himmel über einem Konzertraum, der optisch und akustisch seinesgleichen sucht: Im Renaissancehof kamen feinste Nuancen sängerischer Kultiviertheit ebenso wie ausgefeiltes Orchesterspiel wunderbar zur Geltung.

In drei Arien aus Opern von Georg Friedrich Händel beeindruckte der Countertenor mit tiefem Empfinden von Musik und Text, die er mit Intensität und bezaubernd farbenreicher Modulation zu einer Einheit formte. Dabei stets in Feinabstimmung mit dem HR-Orchester. Der Klangkörper bewies wieder einmal, dass er in allen Epochen zu Hause ist und sich flexibel auf seinen temporären Leiter einstellen kann.

Der Solist zeigte Facetten seines sängerischen Könnens mit drei Arien, in denen er ganz unterschiedliche Stimmungen lebendig werden ließ: Aus »Orlando« sang er »Non fu già men forte Alcide« durchartikuliert in beredter mimischer Präsenz und blieb stets in sensiblem Dialog mit den Musikern. Besonders berührend gestaltete er Rezitativ und Arie »Che più si tarda… Stille amare«, wo Bitterkeit, Enttäuschung, süße Erinnerungen und schließlich der Gifttrank wirken - die musikgewordenen bitteren Tropfen intonierte das Orchester, darunter der barocke Chitarrone, in absteigenden Sequenzen zurückhaltend, dem Vortrag des Sängers als sterbendem Tolomeo Raum lassend. Von der todeslastigen Stimmung erlöste eine heitere Arie, »Se infiorito ameno prato« aus »Giulio Cesare«, in der der Konzertmeister von der Empore aus zum Duell mit dem Sänger antrat - ein gelungenes Stück Stegreifkomödie zwischen Violine und Stimme.

Der 50-jährige Großneffe des Dirigenten Zubin Mehta, der in Berlin und New York und auf den großen Bühnen zu Hause ist, in deutscher Literatur einen akademischen Abschluss hat und einst als Sängerknabe begann, zeigte auch in Weilburg als ehemaliger Orchestercellist ein feines Händchen für Ensemblespiel. So wurde die Trauer-Sinfonie von Joseph Haydn mit ihren dramatischen Farben im Allegro, markant hervorgehobenen Blechbläsern und ziselierenden Geigen zum Aufhorcher. Dynamisch abgestuft mit gespenstischen Einschüben das Menuett. Dem in feinen Tönen schwelgenden Adagio folgte das knackig und präzise musizierte Finale.

Körperbetont und von tänzerischer Geschmeidigkeit zeigte sich der Mann am Pult auch bei Mozarts Sinfonie A-Dur KV 201 mit ihren eingängigen Oktavsprüngen zu Beginn, in dem verträumt bis ins feinste Pianissimo musizierten Andante, einem kontrastreichen Menuett und dem »Con Spirito« des Schlusssatzes. Ein spannender, vom Klangkörper sensibel mit dem Dirigenten abgestimmter Hörgenuss von serenadenhafter Leichtigkeit. Herzlicher Beifall für ein nachhaltiges Musikerlebnis.

Bochumer Symphoniker zur Eröffnung

Hervorragende Musiker und populäre Kompositionen waren bereits am Freitag die Garanten für einen gelungenen Auftakt der 47. Weilburger Schlosskonzerte. In der fast ausverkauften Schlosskirche verbanden die Bochumer Symphoniker unter Leitung des Violinisten Raphael Christ eine dezent-elegante erste Programmhälfte mit einem klangstarken zweiten Teil zu einem großen Ganzen. Raphael Christ als Solist und Konzertmeister trieb das Ensemble zu kompromissloser Hingabe.

Schon das eröffnende Allegro von Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216 bereitete außerordentlichen Genuss. Christ gefiel durch kecke Spiellaune, artikulierte zudem detailfreudig und trat in konzentrierten Dialog mit dem Orchester. Besonders gefiel die feine melodische Zeichnung der Solovioline. Gebannt lauschte das Publikum Christ in der wie ein nachdenklicher Exkurs anmutenden Kadenz.

Aus einer fernen Welt zu kommen schien der klare und reine Gesang des Soloinstruments im Adagio. Der empfindsamen Note gab Christ bei zarten Pianissimi viel Raum zur Entfaltung, das Orchester begleitete klanglich wohldosiert. Mit ansteckender Munterkeit rundete die Darbietung des Rondo-Finales das Vergnügen ab, blieb dabei auf der feinen Linie.

Vorzüglich in den festlichen Rahmen der Veranstaltung passte nach der Pause die spritzige Ouvertüre zu Mozarts Oper »Figaros Hochzeit«. Hier zog das Orchester die dynamischen Kontraste auf engem Raum ins Extreme und sorgte so für packende Dramatik. Die ausgefeilte Konzeption begeisterte auch bei Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 2 D-Dur restlos. Souverän die Fäden zusammenhaltend, lenkte Christ sein Augenmerk auf stetig steigende Spannung in der Adagio-Einleitung, die in einen präzise im Timing dargebotenen Allegro-Hauptsatz mündete. Schön zugespitzt schienen die scharfen, von der Pauke unterstrichenen Akzente; sie gaben der Musik unverwechselbar spontane, überraschende Züge. Ebenso gelungen wirkte die weitläufige Interpretation des Larghettos. Paradigmatisch für Beethoven: das durch lakonischen Humor geprägte Scherzo, bei dem die mit Nachdruck versehenen Sforzati Ausrufezeichen gleichkamen. Das geistig frische, temperamentvolle Spiel fesselte bis hin zum Allegro-Finale und riss das Publikum zu lang anhaltenden stehenden Ovationen hin.

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