23. Mai 2022, 18:25 Uhr

»PS« startet auch mit 75 weiter durch

23. Mai 2022, 18:25 Uhr
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Aus der Redaktion
Peter Sichmann

. Wenn Freunde mit ihm die Treppe hinab in den Garten steigen und über die Terrasse rückwärtig wieder ins Haus gelangen, dann schlagen die Männerherzen höher. John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr lächeln den Gästen auf Postern entgegen und unterstreichen, dass der Hausherr Fan der Beatles ist.

Die Bar in der Mitte des Raumes belegt, dass hier schon manche Party die Morgendämmerung hoch über Dillenburg, den Wilhelmsturm quasi zu Füßen und den Westerwald greifbar nah, überdauert hat. Und die zahlreichen Spiel-, Ehrungs- und Mannschaftsfotos, die keinen Millimeter an Tapete mehr preisgeben, verraten, dass hier ein Großer seiner Zunft sein Zuhause hat.

Das sogenannte »Fußballzimmer«, das zahlreiche Dillkreis-Kicker kennen, ist der ganze Stolz von Peter Sichmann. Hierhin zieht er sich zurück, wenn er nachdenken muss. Um sich alter Weggefährten zu erinnern. Oder schlicht um die Vergangenheit aufzufrischen.

Wann war was wo? Unter seinem Haus, das er Anfang der 80er Jahre bezog, als er unentgeltlich den SSV Dillenburg trainierte, Clubchef und Baulöwe Theo Lauber ihm aber bei der Errichtung des Eigenheimes ein wenig behilflich war, hat er alle Unterlagen beisammen, um seine lange Karriere als Profi und als Trainer auch chronologisch ein wenig einordnen zu können.

Heute wird Peter Sichmann 75 Jahre alt. Gefeiert wird im kleinen Kreis. Bei einem Abendessen mit seiner Lebensgefährtin Tanja im Seehof am Aartalsee, den sein Freund Ioannis Arabatzis betreibt. Mit ihm zusammen wird er künftig den B-Ligisten SG Donsbach/Haiger betreuen, nachdem sein viertes Engagement beim SSV Dillenburg im Winter eher ernüchternd endete. Dass er einst ganz oben angriff, inzwischen aber eher in den Niederungen des Fußballs gelandet ist, sieht »PS«, wie ihn seine Bekannten gerne nennen, nicht als Makel. »Wenn die Struktur im Verein stimmt und ich das Gefühl habe, die Jungs ziehen mit, dann stehe ich zur Verfügung.«

Früher, vor zehn oder 20 Jahren, habe er stets gesagt, unterhalb der Verbandsliga ginge nichts, doch inzwischen gibt er sich altersmilde. Ohne ans Aufhören zu denken, das er Tanja schon vor einem Jahrzehnt versprochen hat. »Sein Sport steht für ihn über allem, daran will ich nichts ändern«, schaut sie ein wenig verstohlen ebenfalls in seinem »Fußballzimmer« vorbei. Nicht ohne ihm mit auf den Weg zu geben: »Aufräumen könntest du hier ja auch mal wieder.« Um den Blick frei zu haben für seine Zeit ...

... beim VfL Klafeld-Geisweid , der auf den damals 23-jährigen Angreifer aus Niedergirmes aufmerksam geworden war. Die Südwestfalen hatten ihm einen Job als Chauffeur bei den Stahlwerken besorgt, »ganz nebenbei« legte Sichmann mit zwei Toren beim 3:1-Derbysieg vor 15 000 Zuschauern bei den Sportfreunden Siegen den Grundstock dafür, dass der Verein für Leibesübungen 1971 den Sprung in die Regionalliga, damals Liga zwei, schaffte.

... bei Fortuna Düsseldorf , für die er in der Saison 1972/73 jedoch kein Bundesligaspiel bestreiten durfte. »Trainer Heinz Lukas hielt offenbar nichts von mir. Obwohl ich in der Vorbereitung acht Tore gemacht hatte, saß ich beim ersten Spiel nicht einmal auf der Bank.« Seine Freunde Gerd Zewe, Reiner Geye und Dieter Herzog rieten ihm, den Verein nach einem Jahr wieder zu verlassen, »die Zeit am Rhein war nicht die meine.« Dass er im Oberhaus nie Fuß fassen konnte, ärgert Peter Sichmann bis heute. Denn: »Ich hatte das Zeug dazu.«

... bei Bayer Leverkusen , wohin er 1973 in der Regionalliga West zurück wechselte. Ein Spielervermittler hatte ihm eine Trainingswoche zur Probe bei der Werkself arrangiert, doch Trainer Friedhelm Renno war vom damals 25-jährigen Stürmer sofort überzeugt.

... bei der SpVgg. Bayreuth , »der fußballerisch schönsten Zeit meines Lebens.« Zwischen 1974 und 1977 markierte der Wetzlarer in 83 Zweitligaspielen 20 Tore für die Oberfranken. Auch als Coach Gerhard Happ im Städtischen Stadion den Ungarn Jeno Vincze ablöste und Sichmann mit den Worten begrüßte, »Auch wenn Sie wie ich aus Hessen kommen, genießen Sie hier keine Vorteile ...« ließ sich Peter Sichmann nicht von seinem Weg abbringen.

Dass Peter Sichmann später aus familiären Gründen wieder nach Mittelhessen zurückkehrte, beim SSV Dillenburg und Eintracht Haiger dem Ruf seines Freundes Dieter Mietz folgte und sich nach dem Ende seiner Karriere auch als Coach einen guten Namen machte, gehört ebenso zu seiner Vita.

Geht es darum, all seine Trainerstationen aufzuzählen, muss Lebensgefährtin Tanja einspringen. Oder er selbst Hilfe in seinem »Fußballzimmer« besorgen. Wie dem auch sei: Der TSV Schönbach, zweimal der VfB Aßlar, der TSV »Cosmos« Garbenheim (»die haben klasse bezahlt«), der FSV Braunfels, der VfB 1900 Gießen (»der größte Fehler meines Lebens«), der VfB Marburg, Eintracht Lollar, der FV Breidenbach, Eintracht Wetzlar (»mein Freund Peter Cestonaro hat mir gesagt, ich solle das lassen«), viermal der SSV Dillenburg, der SSV Frohnhausen und der SSV Langenaubach stehen auf seiner Liste.



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