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»Das hat mir den Spaß genommen«

Freddi Löhe blickt zwiespältig auf seine Zeit beim FC Gießen zurück/ Abschied vom professionellen Fußball
10. August 2022, 19:03 Uhr
RD
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Ein starker Rückhalt in der Regionalliga: Doch Frederic Löhe blickt zwiegespalten auf seine Gießener Zeit zurück. Foto: Ben

. Wenn man Frederic Löhe im weltweiten Netz eingibt, findet man neben dem üblichen Karriereverlauf unter »transfermarkt.de« auch einen Wikipedia-Eintrag. Darin ist für den 33-Jährigen und in Engelskirchen geborenen Torhüter unter »aktuelles Team« noch FC Gießen verzeichnet. Und tatsächlich ist es für jahrelange Wegbegleiter des Ex-Regionalligisten fast so, als sei Löhe noch da.

Ein richtiger Abschied jedenfalls sieht anders aus. Der Torwart war nach vielen illustren Stationen wie Borussia Mönchengladbach, Alemannia Aachen, SV Sandhausen oder auch Babelsberg 03 seit 2019 in Gießen neben Nikola Trkulja, Michael Fink und Aykut Öztürk eine der zentralen Figuren. Sportlich stets herausragend und sicher einer der Top-Torleute in der 4. Liga, menschlich durch seine leidenschaftliche Art, wie er sich im Stadion präsentierte, einerseits Reiz-, andererseits Identifikationsfigur.

Man könnte auch sagen: Genau so muss ein Torwart sein. Und dann ist er auf einmal weg, wie im Grunde die gesamte Mannschaft, die die Rot-Weißen in der Regionalliga repräsentierten. Auch Trainer Daniyel Cimen bedauerte im Saisonvorschaugespräch, dass die Spieler nicht verabschiedet wurden. Mit Michel Magel ist mittlerweile aber der Weg der Konsolidierung nach Innen und Außen eingeschlagen worden, während Notvorstand Turgay Schmidt im Hintergrund weiter an den Vereinsstrukturen arbeitet. Aber was macht eigentlich Freddi Löhe, der Torhüter des FC Gießen, nun sportlich nach dem Abgang aus Mittelhessen? Der Anruf erreicht den in Nümbrecht, nahe Gummersbach, lebenden Familienvater, als er auf dem Weg zu seiner neuen beruflichen Perspektive ist.

Herr Löhe, nach dem Ende der Saison und dem Abstieg, wie geht es jetzt bei Ihnen weiter? Gibt es konkrete Angebote und Ideen?

Ja, die gibt es. Ich fahre gerade in diesem Moment zur Industrie- und Handelskammer, um meine Unterlagen einzureichen. Ich habe mich entschieden, eine Ausbildung zum Kaufmann zu machen. Die letzten eineinhalb Jahre beim FC Gießen haben mit den ganzen Nebengeräuschen so viele Narben hinterlassen, dass ich den Fußball nicht mehr professionell betreiben will. Ich hatte nach dem letzten Spiel viel Zeit, darüber nachzudenken und bin zu diesem Schluss gekommen. Aber ganz werde ich nicht aufhören. Neben meiner Ausbildung spiele ich noch nebenbei in der Bezirksliga beim SV Schönenbach. Da bin ich dann auch mit vielen der alten Jungs aus meinem Heimatclub zusammen. Das wäre sowieso meine Intention gewesen, wenn ich Fußball nicht mehr als Beruf ausübe. Und das kommt nun zustande.

Hätten Sie sich vorstellen können, doch noch weiterzumachen?

Prinzipiell schon, aber die vergangenen eineinhalb Jahre lief es eben gar nicht mehr rund. Da ist mir die Lust vergangen. Die ganzen Verspätungen bei der Zahlung der Gehälter und auch die Atmosphäre im Verein hat mir den Spaß am Fußball auf diesem Niveau genommen. Das hat auch mit Wertschätzung zu tun. Wenn fast jeden Monat das Gehalt wochenlang zu spät kommt, das aber auch nicht vernünftig kommuniziert wird, macht das was mit dir. Ich habe letztes Jahr im Sommer schon überlegt, ob es nicht besser wäre, den Verein zu verlassen.

Warum sind Sie dann doch geblieben?

Ich habe weitergemacht, weil ich mit Elvir Smajlovic einen überragenden Torwarttrainer hatte, der mich nochmal weitergebracht hat. Und wir hatten überhaupt ein tolles Trainerteam, überragende Menschen mit Daniyel Cimen, Marco Vollhardt oder auch Michael Fink. Es war großartig mit diesem Musterprofi noch einmal zusammenspielen zu dürfen. Sehr wichtig ist mir auch, dass Christian Memmarbachi im richtigen Licht steht. Ich hatte mit ihm ein top Verhältnis und er war immer der Fels in der Brandung, hat immer versucht zu helfen und zu vermitteln und hatte auch spätabends noch ein offenes Ohr für die Spieler. Auf ihn lässt keiner in der Mannschaft etwas kommen.

Hört sich doch gut an…

Soweit schon, aber leider hat in diesem Verein nur einer das Sagen. Und da war keine vernünftige Kommunikation und kein vernünftiger Umgang möglich. Das letzte Jahr war eine einzige Katastrophe. Ich hatte in der Zeit, seit Herr Schmidt als Notvorstand agiert, gefühlt acht, neun andere Betreuer oder Leute im Umfeld, weil ständig einer aufgehört hat. Sie sind alle gegangen oder gegangen worden, weil sie menschlich nicht respektiert und schlecht behandelt wurden. Eigentlich hätten bei mir im Winter 2020/2021 schon die Alarmglocken läuten müssen, als wir offiziell Kurzarbeit verrichtet haben, und das in einer Zeit, in der wir voll aktiv waren. Dabei war mir schon unwohl.

Was macht das mit einer Mannschaft?

Das ist ungeheuer belastend. Und ich kann nur den Hut vor allen ziehen. Die Mannschaft hatte echt Charakter. Trotz dieser Umstände hat sie sich nie hängen lassen. In all der Zeit haben wir nur bei dem Spiel gegen den FSV Frankfurt wirklich schlecht und ohne Biss gespielt. Deshalb hat uns auch das Plakat durch ein paar vereinzelte Fans mit der Beschimpfung so belastet, denn man kann uns vorwerfen, dass wir zu wenig Tore geschossen haben, vielleicht auch ab und an die Qualität nicht da war, aber alle haben sich den Hintern aufgerissen und immer versucht, alles zu geben. Und das unter diesen Umständen. Im Kopf bleibt dann aber doch immer ein gewisses Unwohlsein, sodass der Abstieg auch damit zu tun hat, wenn das Geld nie pünktlich da ist und man keine Wertschätzung bekommt.

Wie haben Sie sich eigentlich verabschiedet?

Beim letzten Spiel in Kassel hat Daniyel in der Kabine noch eine kleine Rede gehalten, wir haben ein Bierchen getrunken, das war’s. Wir sind als Mannschaft und Trainerteam komplett im Guten auseinandergegangen. Vom Notvorstand war aber nichts zu sehen. Das gleicht einem Tritt in den Hintern. Und als die neue Mannschaft dann nach und nach vorgestellt und aufgebaut wurde, fehlte bei den meisten der ehemaligen Spieler noch das letzte Gehalt. Das muss man sich mal vorstellen. Einerseits werden Spieler geholt, während die anderen noch auf ihr Geld warten.

Sie haben ja viele Stationen und Vereine durch, gab es etwas Vergleichbares in ihrer Laufbahn?

Nein, nie. Ich bin viel rumgekommen, aber sogar in Aachen, wo ich zur Zeit der Insolvenz reingekommen bin, haben wir durch den Insolvenzverwalter immer pünktlich unser Geld bekommen. Das war alles hochprofessionell. Mit dem Einsatz des Notvorstandes, der auf die Sponsoren GmbH folgte, lief dann aber nichts mehr. Auch Gespräche über die Situation kamen nur auf Nachfrage zustande, aber auch dann meistens ohne Ergebnis. Übrigens hat es bei der Sponsoren GmbH funktioniert. Die haben sich für die Mannschaft aufgeopfert und alles getan. Schon zu Zeiten des ersten Lockdowns, als es mit dem Geld für die Spieler eng wurde, hatte die Sponsoren GmbH immer ein offenes Ohr und hat uns unterstützt. Nachdem das Kapitel vorbei war, dachten wir, ok, ein Notvorstand, der vom Amtsgericht eingesetzt wird, sollte dafür sorgen, dass alles funktioniert. Wir dachten, es würde perspektivisch besser werden. Dem war aber nicht so. Und dann muss man noch erleben, wie integre Personen der Sponsoren GmbH öffentlich diskreditiert werden. Das geht nicht. Kai Braun, Markus Haupt und Salvatore Cuneo haben sich immer für den Verein, die Mannschaft und die Spieler engagiert, Zeit und Geld investiert und dann müssen sie so etwas über sich ergehen lassen. Da hätte man schon hellhörig werden müssen. Das sorgt schon für reichlich Irritationen.

Was meinen Sie konkret mit »nicht funktioniert«, außerhalb der verzögerten Gehälter?

Wir haben unter dem Notvorstand nie irgendwelche Prämien bekommen, keine Siegprämie, nichts. Und das ist einfach ein Faktor, der auch zum Abstieg beiträgt. Verspätete Zahlungen der Gehälter, und dann keine Prämien zu bekommen. Die Vereinbarungen, die mit dem Vertrag unterschrieben wurden, daran müsste sich doch eigentlich auch gehalten werden. Man sollte doch erwarten dürfen, dass Verträge eingehalten werden. Und auch die Sache mit der Kurzarbeit erschien uns seltsam. Wie kann das sein, wenn man alle drei Tage ein Spiel hat? Ich bin da rechtlich nicht so bewandert, aber das kam mir schon komisch vor. Wir haben alles versucht, was möglich war. Wir haben als letzten Punkt sogar daran gedacht, als Mannschaft zu streiken. Das wollten wir dann aber doch nicht, weil wir dafür auch zu sehr Sportler waren, die als Team den Verein nicht im Stich lassen wollten. Aber das ganze Prozedere belastet natürlich. Wenn man das Gefühl hat, einer Person ausgeliefert zu sein, ist das nicht leistungsfördernd und schlägt auf das Betriebsklima. Besonders irritiert waren und sind wir aber auch deshalb, weil immer noch Zahlungen an die ehemalige Mannschaft ausstehen, die neue aber bereits wieder zusammengestellt wurde und spielt. Das kann doch eigentlich nicht sein.

Was bleibt von Ihrer Zeit in Gießen?

Nach dreieinhalb Jahren hing mein Herz daran, das ist einfach so. Es gab tolle Abendspiele mit großartiger Atmosphäre. Da war eine klasse Stimmung im Stadion. Auch, dass ich mit solch überragenden Menschen wie Daniyel, Michael, Nikola oder Smajlo zusammenarbeiten und zusammenspielen durfte, werde ich nicht vergessen. Oder dass ich mit Christian Memmarbachi jemanden kennengelernt habe, auf den immer Verlass ist. Aber wenn man von der einen Person, die maßgeblich ist, rein gefühlsmäßig immer auf den Deckel bekommt, und es werden Dinge gemacht, bei denen man sich unwohl fühlt, ist es Zeit zu gehen. Das ist ein riesiger Schatten auf der Zeit in Gießen. Aber es bleibt natürlich auch, dass ich die Fans schon vermissen werde. Zu einigen habe ich immer noch Kontakt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport_test/anzg/das-hat-mir-den-spass-genommen;art5093,833908

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