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Start frei zum Rätselraten

Nach der Rücktrittsankündigung von Bundestrainer Joachim Löw läuft die Suche nach einem Nachfolger. Jürgen Klopp nimmt sich aus dem Rennen, Hansi Flick gilt als Favorit. Löw ist von Fesseln befreit.
10. März 2021, 21:34 Uhr
SID
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Wer wird Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw? Eine möglich Variante wäre: U21-Trainer Stefan Kuntz (oben, r.) übernimmt interimsmäßig, bis einer der Wunschkandidaten zur Verfügung steht: Jürgen Klopp (unten links) oder Hansi Flick (unten rechts). FOTOS: IMA/DPA 2

Angela Merkel ist die Bundeskanzlerin und Joachim Löw der Bundestrainer - »seit ihr denken könnt, ist das so«, sagte die Sprecherin der Kinder-Nachrichtensendung logo!, »aber auch diese Dinge können sich ändern.« Nicht nur für Kinder ist es noch schwer vorstellbar, dass demnächst ein anderer bei der Fußball-Nationalmannschaft das Sagen haben wird. Die Suche nach Mister X läuft, vieles spricht für Bayern-Coach Hansi Flick - die vermeintlich heiße Spur Jürgen Klopp dagegen führt in die Sackgasse.

»Es funktioniert einfach nicht«, sagte der Teammanager des FC Liverpool im Sky-Interview, nachdem er schon am Dienstag öffentlich abgesagt hatte. Nun wurde der 53-Jährige noch deutlicher: »Selbst wenn Liverpool mich jetzt rausschmeißen würde, dann werde ich ganz sicher ein Jahr Pause machen.«

Klopp gilt als absoluter Wunschkandidat für die Nachfolge Löws, der überraschend seinen Rücktritt nach der EM angekündigt hat, aber seine Karriere noch nicht beenden will. »Jetzt wird ein neuer Trainer kommen, und wenn der 2022 und 2024 erfolgreich ist, dann wird nach mir kein Hahn krähen«, ergänzte Klopp: »Und das ist dann auch gut so.«

Somit gilt Flick als heißester Anwärter. Der 56-Jährige assistierte Löw beim WM-Triumph 2014, er kennt die Strukturen im DFB auch als früherer Sportdirektor, durch seine Erfolge als Chefcoach beim FC Bayern hat er enorm an Reputation gewonnen. Zwar besitzt Flick beim Rekordmeister einen Vertrag bis 2023, doch zwischen ihm und Sportvorstand Hasan Salihamidzic soll es in Sachen Kaderplanung kriseln.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff »flirtete« schon vor Wochen öffentlich mit Flick (»Ich wäre verrückt, wenn ich das ausschließen würde«) - vergeblich, wie Karl-Heinz Rummenigge glaubt. »Wäre ich Trainer und sollte vom Arbeitgeber FC Bayern zum Arbeitgeber DFB wechseln, würde mir das lediglich ein Schmunzeln entlocken«, sagte Bayerns Vorstandsboss bei Sport1.

Es heißt, Flick wolle seine Situation in München nach der Saison neu bewerten. Dann könnte es aber zu spät sein, dem Vernehmen nach möchte der DFB die Löw-Nachfolge vor dem EM-Start am 11. Juni geregelt haben. In diesem Fall würden andere Kandidaten nach oben rücken.

Der vereinslose Ralf Rangnick stünde beispielsweise sofort parat. Das Fachwissen des früheren Erfolgs-Architekten von RB Leipzig ist unbestritten, Zweifel dürften jedoch an seiner nicht selten pedantischen Art bestehen. Das Gegenteil verkörpert Stefan Kuntz. Der U21-Trainer genießt aufgrund seines loyalen und kumpelhaften Auftretens großes Ansehen im DFB. Er könnte auch als Übergangslösung installiert werden, bis der Wunschkandidat (Klopp oder Flick) zur Verfügung steht. Für diese Theorie spricht, dass die WM 2022 in Katar erst im Winter stattfindet. Man nehme sich »die nötige Zeit, mit Ruhe und Augenmaß einen Nachfolger zu benennen«, sagte DFB-Präsident Fritz Keller. Julian Nagelsmann (RB Leipzig) hat bereits abgewunken. Marcus Sorg wäre als interne Lösung eine Überraschung.

Die Spekulation kann Löw herzlich egal sein. Der Bundestrainer hat sich von Fesseln befreit, die Dauer-Diskussion um seine Zukunft und der Druck, den Umbruch fortzusetzen, sind weg. Für ihn zählt nur noch der Erfolg bei der EM, für den er die aussortierten Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng zurückholen könnte, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Danach werde seine »Trainerlaufbahn nicht vorbei sein«, sagte Löw bei Sport1. »Denn ich liebe die tägliche Arbeit auf dem Platz und das individuelle Training mit den Spielern.«

Nach seinem letzten großen Turnier als Bundestrainer wolle Löw erst einmal durchatmen, für Angebote aber offen sein, schrieb »Sport1«. Er könne sich vorstellen, einen Top-Verein zu übernehmen. Zuvor wolle er sein »Bestes geben, unseren Fans bei diesem Turnier große Freude zu bereiten und erfolgreich zu sein. Ich weiß auch, dass dies für die gesamte Mannschaft gilt.«

Zuletzt hatte der 61-Jährige 2004 eine Klubmannschaft trainiert: Bei Austria Wien wurde er im März als Tabellenführer entlassen. Vier Monate später wurde er beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) Co-Trainer von Jürgen Klinsmann.

Am Donnerstag (13.30 Uhr) wird Löw auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff und dem Verbandspräsidenten Fritz Keller über seinen Rücktritt sprechen.

Der Zeitpunkt der Rücktrittsankündigung sei »sehr klug« gewählt, sagte Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger der ARD. Vielleicht könne Löw »Energien bei den Spielern freisetzen«. Bei Kapitän Manuel Neuer ist das der Fall. »Nun gibt es einen Grund mehr, dass wir alles versuchen, die Europameisterschaft erfolgreich zu bestreiten«, schrieb der Nationaltorhüter bei Instagram: »Danach geht eine Ära zu Ende.« Nicht nur für Kinder ist Löws Rücktritt eine Zäsur im Fußball.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/import/start-frei-zum-raetselraten;art481,727555

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