09. Mai 2021, 22:11 Uhr

Sonntagspiel

Nullnummer im Kellerduell

Hansi Flick begießt seinen Münchner Abschiedstitel mit Schampus. Der Meistertag liefert große Momente. Vorm Anpfiff wird in der Kabine gejubelt, auf dem Rasen gibt’s eine Sechs-Tore-Gala. Lewandowski steht vorm Tor-Rekord - Flick vorm DFB-Tor.
09. Mai 2021, 22:11 Uhr
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Von DPA
Bielefelds Amos Pieper und Herthas Jhon Cordoba (r.) kämpfen um den Ball. FOTO: DPA

Hertha BSC bleibt mit seinem Rotations-Express nach der Corona-Zwangspause ungeschlagen. Im Kellerduell gegen Arminia Bielefeld mussten sich die Berliner am Sonntag allerdings mit einem 0:0 zufrieden geben. Das diesmal von Trainer Pal Dardai auf acht Positionen veränderte Hertha-Team zog durch den Punktgewinn wieder am SV Werder Bremen vorbei auf den 14. Platz der Fußball-Bundesliga und kann mit einem Sieg am Mittwoch im letzten von drei Nachholspielen beim abgestiegenen FC Schalke 04 einen großen Schritt Richtung Klassenerhalt machen. Bielefeld verharrt auf dem Relegationsrang 16.

Hertha Trainer Pal Dardai war zufrieden. »Das Minimalziel war der Punkt und die Null musste stehen. In einer solchen Situation ist jeder Punkt wichtig, gerade gegen die direkte Konkurrenz«, sagte der Ungar. Die Bielefelder waren indes nicht vollends zufrieden. »Ein Punkt ist erstmal gut. Aber irgendein Spiel müssen wir sowieso gewinnen. Wenn wir nur drei Unentschieden holen, wird das nicht reichen, da bin ich mir sicher«, sagte Routinier Fabian Klos, dessen Team durch eine schwache Chancenverwertung den möglichen Sieg verspielte und somit weiter akut gefährdet ist.

Natürlich war es ein Scherz, als Hansi Flick den Meistertag des FC Bayern mit einer Trainingsansage für den nächsten Morgen beschloss. Am Muttertag tat sich auf den Rasenplätzen an der Säbener Straße selbstverständlich nichts. Der harmoniebedürftige Fußball-Trainer Flick hatte sich diesen Spaß nach der berauschenden 6:0 (4:0)-Gala gegen Borussia Mönchengladbach einfach mal gegönnt - zumal sein Team wie alle anderen Bundesligisten am Mittwoch ins Quarantäne-Trainingslager muss.

Als Torjäger Robert Lewandowski nach seinen Saisontoren 37, 38 und 39 gemeinsam mit den Teamkollegen in der Kabine in den roten Shirts mit der großen »9« die neunte Meisterschaft am Stück feierte, stieß Flick in seiner Trainer-Kabine mit Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und einem Gläschen Schampus auf seinen Münchner Abschiedstitel an.

»Dieses Jahr war es leider nur die Meisterschaft«, sinnierte Flick kurz vor dem Ende einer »tollen Zeit«, die auf seinen Wunsch hin vorzeitig endet: »Wir haben sieben Titel geholt. Da kann man schon mal sagen: ›Okay, jetzt ist es gut.‹« Der 56-Jährige rühmte seine Mannschaft, die ihm jederzeit einen »Genuss« bereitet habe, für eine außergewöhnliche Leistung nach dem Triple-Triumph 2020: »Wir haben kaum Urlaub gehabt«, erinnerte Flick. Corona war allgegenwärtig. Und wäre dieses ewig hungrige Team in der Champions League gegen Paris Saint-Germain ausgeschieden, wenn Lewandowski fit gewesen wäre? »Gerade in einer wichtigen Phase haben wichtige Spieler gefehlt«, haderte Flick. Aber nur kurz, es war ja ein Tag der Freude.

Lewandowski mit Dreierpack

Zur 31. Meisterschaft konnten sich die Bayern-Profis schon vor dem Anpfiff beglückwünschen. Im Umkleidetrakt verfolgten sie die Leipziger 2:3-Niederlage in Dortmund am TV. Der Titel war damit fix, aber das bremste diese Bayern-Generation nicht in ihrem Ehrgeiz gegen wehrlose Gladbacher. »Wir haben nochmal demonstriert, dass wir die wahre Nummer eins in Deutschland sind«, sagte Kapitän Manuel Neuer.

Dreierpacker Lewandowski, Thomas Müller, Kingsley Coman und Leroy Sané sorgten für ein Torfest. »Das Spiel war eines Meisters würdig«, schwärmte Flick. Lewandowski hat gegen Freiburg und Augsburg zwei Chancen, den legendären 40-Tore-Rekord von Gerd Müller zu knacken. »Es hilft nicht, wenn du es zu sehr willst«, sagte der Pole. Jeder aber konnte ihm zuvor auf dem Platz ansehen, wie sehr er es will.

Diese nie versiegende Gier nach Toren, Siegen und Titeln, diese Gewinner-Mentalität macht das von Flick angeleitete Starensemble um die Anführer Neuer, Lewandowski und Müller zum nationalen Dominator. »Dieses Gefühl des Gewinnens, des Besserseins als der Gegner, das gibt dir den Kick«, bemerkte Müller, mit zehn Titeln gleichauf mit dem am Saisonende scheidenden David Alaba Spieler-Rekordmeister.

Unter Flick-Nachfolger Julian Nagelsmann soll 2022 Meistertitel Nummer zehn am Stück folgen. Der künftige Vorstandschef Oliver Kahn fachte den Hunger jedenfalls sofort neu an. So eine Serie sei »noch keiner Mannschaft auf diesem Planeten gelungen«, schwelgte Ex-Titan Kahn - jedenfalls nicht in einer der großen europäischen Ligen.

DFB-Querelen schrecken Flick nicht

Flicks Zukunft ist das andere große Thema. Das Tor zum DFB steht weit offen, auch wenn zur Nachfolge von Bundestrainer Joachim Löw aus seiner Sicht »noch nicht alles gesagt« ist. Aber alle Aussagen zielen dahin. Im ZDF-Sportstudio berichtete DFB-Vizepräsident Rainer Koch von »guten Gesprächen«. Auch der FC Bayern wünscht sich inzwischen Flick als Bundestrainer. Mit dem DFB haben sich die Münchner sogar schon auf eine »smarte Geste« des Verbandes für einen Flick-Wechsel verständigt, wie Rummenigge verriet. Ein finanziell lukratives Spiel zwischen dem FC Bayern und der Nationalelf wäre wohl die Lösung.

Der einstige Löw-Assistent Flick will ja auch. Die Führungsquerelen beim DFB scheinen ihn nicht zu schrecken. Die Nationalelf kennt er als eigenen Orbit mit Vertrauten aus früheren Zeiten. Da könnte er wieder jene Wohlfühloase vorfinden, die er mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic beim FC Bayern nicht mehr vorfand. Bei Sky schwärmte er von den Zeiten mit Oliver Bierhoff und Jogi Löw. »Es gab eine enorme Wertschätzung, enorme Loyalität, die mich antreibt. Diese Dinge sind dort gegeben, ich habe ein tiefes Vertrauen zu Oliver Bierhoff«, sagte Flick. DFB-Direktor Bierhoff wählt Löws Nachfolger aus.

Flick ist in Europa ein gefragter Coach, er ist in einer starken Position. Er wird sich ein Arbeitsumfeld nach seinem Gusto schaffen können.

Nach dem herben Rückschlag im Abstiegskampf gab Friedhelm Funkel Einblicke in die Gemütsverfassung seiner Spieler. »Sie sitzen in der Kabine und sind tief enttäuscht. Sie sind über ihre eigene Leistung in der ersten Halbzeit verärgert«, sagte der Trainer des 1. FC Köln. Durch das 1:4 (0:2) gegen den FC Freiburg rückt der siebte Abstieg der Vereinsgeschichte aus der Fußball-Bundesliga immer näher. Zwei Spieltage vor Saisonende liegen die Kölner weiter auf Platz 17.

»Wir werden die Mannschaft wieder aufbauen«, versprach Funkel mit Blick auf die entscheidenden Spiele bei Hertha BSC und gegen Schalke 04. Direkt nach dem Schlusspfiff herrschte aber erst einmal Untergangsstimmung. »Das Ergebnis ist scheiße. Die erste Halbzeit hat uns das Spiel gekostet«, schimpfte FC-Kapitän Jonas Hector. Zwischen den Gegentoren durch Nils Petersen (18.) und Ermedin Demirovic (20.) lagen gerade einmal 140 Sekunden. »Wir haben in der ersten Halbzeit nicht ins Spiel gefunden. Wir haben viele Fehler gemacht. Wir haben zu langsam gespielt, wir haben zu behäbig gespielt«, analysierte Funkel.

Im zweiten Durchgang erhöhte Köln den Druck und kam durch Sebastian Andersson (49.) zum Anschluss. Doch Ondrej Duda (61.) vergab die große Chance auf den Ausgleich, als er bei seinem Foulelfmeter wegrutschte und den Ball über das Tor schoss. Zudem wurde der vermeintliche Ausgleich durch Jan Thielmann (90.+1) nicht anerkannt. Hector soll den Ball vorher mit dem Arm gespielt haben. »Der Ball kommt an die Schulter. Für mich ist es kein Handspiel«, sagte Hector. Danach sorgten Vincenzo Grifo (90.+3) und Jonathan Schmid (90.+6) bei Kontern für die Entscheidung.



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