19. Mai 2018, 14:00 Uhr

Unterwasserlaufband

Hilfe im Hunde-Aquarium

Rund 20 Hunde pro Woche steigen bei Katharina Karl in Kleinlinden aufs Unterwasserlaufband. Die Therapeutin erklärt, warum die Behandlung so effektiv ist.
19. Mai 2018, 14:00 Uhr
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Von Christine Steines
Layla läuft – und Tierphysiotherapeutin Katharina Karl passt auf, dass die Hündin es richtig macht. (Foto: Schepp)

Layla lässt sich nicht lange bitten. Ein kleines Bad am Morgen? Warum nicht. Außerdem entdeckt die Hündin neben all den Knöpfen und Hebeln die Tube mit der Leberwurst. Gute Aussichten. Bereitwillig steigt sie seitlich in das noch ungefüllte Becken. Katharina Karl schließt die große Tür und betätigt die Pumpe. Das warme Wasser läuft ein, bis es dem Labradormix bis knapp zu den Schultern reicht. Nun setzt sich auch das Laufband in Bewegung, erst ganz langsam, dann ein bisschen schneller. Und Layla läuft. Kein Problem für sie, denn schließlich ist sie (fast) hier zu Hause. Ihre Besitzerin behandelt seit fünf Jahren Artgenossen mit Beschwerden in diesem »Hunde-Aquarium«. Erst in der Frankfurter Straße in Kleinlinden, neuerdings am Maiplatz. Die Tier-Physiotherapiepraxis von Katharina Karl ist die einzige, die diese Möglichkeit hat. Mittlerweile überweisen viele Tierärzte und auch Kliniken ihre Patienten gerne an das vierköpfige Team. Die Chancen, dass dem Tier geholfen wird und es seine Lebensqualität wiedererlangt, sind hoch. »Es ist effektiv, wir machen sehr gute Erfahrungen«, sagt Karl.

Kontrollierte Bewegungen

Im Gegensatz zum »freien Schwimmen« in einem See sind die Bewegungen im Unterwasserlaufband kontrolliert und werden von der Therapeutin begleitet. Für die frühere tiermedizinische Fachangestellte und ihr Team ist es immer wieder ein Glück, mit anzusehen, wie die Patienten sich erholen. So wie vor einiger Zeit eine junge Golden Retrieverhündin. Sie war von einem Auto angefahren worden, ein Hinterbein und ein Vorderlauf waren gebrochen. Nach der OP war sie ein Bild des Jammers: Verstört und voller Schmerzen lag sie in ihrem Körbchen, die Besitzer waren außer sich vor Kummer. Ein halbes Jahr später, nach manueller Therapie, Wassertraining und viel Disziplin bei den Übungen war die Hündin wieder völlig gesund.

Von Chihuahua bis Dogge

Voraussetzung für einen Erfolg ist, dass dem Wassertraining eine eingehende Untersuchung vorausgeht und es behutsam aufgebaut wird. Ängstliche Hunde brauchen aufgrund der lauten Pumpe und der Beengtheit etwas mehr Zeit zum Eingewöhnen. Das komme aber sehr selten vor, erklärt die zertifizierte Therapeutin. Leckerchen, Streicheleinheiten und Zuspruch sei Dank. Vom winzigen Chihuahua (für den der Boden ganz hoch gefahren wird) bis zur stattlichen Dogge hatte sie schon alles in der Praxis. Je nach Krankheitsbild gibt es ergänzend zum Lauftraining manuelle Therapie und Massage. Anders als Menschen, die in der Physiotherapie auch schon mal leiden müssen, wenn die Schmerzgrenze überschritten wird, um Gewebe zu lockern oder einen Reiz auszulösen, darf es beim Hund nicht wehtun. Das Tier, dem die Einsicht in diese Notwendigkeit fehlt, würde sich entziehen und verkrampfen. Also ist vorsichtiges Tasten angesagt.

Während Physiotherapie für Haustiere vor einigen Jahren noch belächelt wurde, ist es mittlerweile etabliert. »Es ist oft eine gute Ergänzung zur medikamentösen Behandlung und ideal nach einer OP«, weiß Karl. Manchmal kann durch eine effektive Physiotherapie auch die Operation vermieden werden. Die kam zum Beispiel vor einiger Zeit bei einem Dackelsenior nicht mehr in Frage. Der alte Rüde hatte einen Bandscheibenvorfall und konnte nicht mehr laufen, eine Operation wäre aber wegen seines schwachen Herzens nicht möglich gewesen. Ganz behutsam setzte Karl den schmerzgeplagten kleinen Kerl ins warme Wasser. Nachdem er sich daran gewöhnt hatte, bewegte sie langsam die Beine des Tieres, nach und nach entspannte sich die Muskulatur. Der Dackel merkte: Das tut ja richtig gut. Regelmäßige Termine folgten, und heute erfreut sich der Patient seines Rentnerdaseins – inklusive kleiner Spaziergänge.

Tag der offenen Tür

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¬ 8 Tierphysio Gießen (www.tierphysio-giessen.de) ist die derzeit einzige Praxis in der Stadt mit einem Unterwasserlaufband. Das 35 000 Euro teure Gerät mit einem Fassungsvermögen von 700 Litern ist aufwendig in Pflege und Wartung (zweimal wöchentlich wird es komplett gereinigt, ein UVB-Filter tötet Bakterien ab, in einem weiteren bleiben Haare und größere Partikel hängen). Wer sich die Praxis anschauen möchte, kann dies am 26. Mai bei einem Tag der offenen Tür (10 bis 17 Uhr) tun.



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