04. Februar 2017, 14:00 Uhr

US-Depot früher

Giganten im Anflug auf Gießen

Die Planung für das frühere US-Depot weckt Erinnerungen an eine Zeit, als Gießen eine waffenstarrende Festung war.
04. Februar 2017, 14:00 Uhr
2. September 1981: In der Wieseckaue landet eine viermotorige Hercules C 130 auf einer aus Stahlplatten gebauten Piste. (GAZ-Archivbild)

Es ist wie immer: Die Blauen sind die Guten, die Orangefarbenen die Bösen. Über fünf Wochen dauert die Schlacht, dann stehen die Verlierer fest: Landwirte, Dorfbewohner und Straßenbauverwaltungen zwischen Melsungen und Gießen. Diesmal sei es »besonders rund gegangen«, bilanziert das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« und berichtet über 3000 Manöverschäden.

Die NATO lässt ihre Muskeln spielen: Über 70 000 Soldaten nehmen im September und Oktober 1981 an der Herbstübung »Certain Encounter« in Hessen teil, 17 000 Mann fliegen die Amerikaner dazu über den Atlantik ein. Fast 20 000 Ketten- und Radfahrzeuge verstopfen die Straßen und hinterlassen ihre Spuren in Wald und Flur.

Bevor der »Krieg« beginnt, treiben die Militärlogistiker in der Gießener Wieseckaue ihre Möglichkeiten auf die Spitze. In Windeseile verlegen US-Pioniere auf dem Segelflugplatz neben dem US-Depot in den ersten Septembertagen 15 000 Stahlplatten – und dann kommen sie. »Das war ein gigantischer Anblick und ein ziemliches Spektakel«, erinnert sich GAZ-Redakteur Guido Tamme an einen seiner interessantesten Reportereinsätze. Die erste Landung notiert er um 7.30 Uhr am 2. September. Eine 70 Tonnen schwere Transportmaschine vom Typ Hercules C 130 hat auf der stählernen Landebahn aufgesetzt und entlädt ein Löschfahrzeug.

»Auf der Autobahn kam es zu einem Stau, weil die Leute angehalten haben, um sich das anzuschauen«, erzählt Kollege Tamme.

Weitere der viermotorigen Arbeitspferde, die bis heute im Einsatz sind, schweben ein, aus ihren Bäuchen rollen Lkw mit Anhänger ins nahe Depot. Am folgenden Tag landet eine zweimotorige Transall der Bundeswehr, die von der Bevölkerung besichtigt werden kann. Das Kriegsspiel wird zum Volksfest.

»Für die Bevölkerung war das natürlich aufregend«, sagt Johannes Zippel. Der heutige Stadtrat war damals in der Steubenkaserne (heute Europaviertel) stationiert und Batteriefeldwebel in jener Bundeswehr-Einheit, die das Atomwaffenlager bei Daubringen bewachte; ein weiteres befand sich im US-Depot. »Mondscheinbatterie« wurden die Einheiten scherzhaft genannt, die die brisanten Munitionslager der US-Armee rund um die Uhr zu schützen hatten. Der Berufssoldat hat etliche der großen Herbstmanöver mitgemacht, erlebte, wie Behelfsbrücken über Rhein, Main und Lahn gebaut wurden. »Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen, was da an Menschen und Material zum Einsatz kam.

« Mit gemischten Gefühlen sieht er, dass im Zuge der Demilitarisierung nach dem Mauerfall auch Kapazitäten für den Katastrophenschutz weggefallen sind. »Auf eine größeren Naturkatastrophe sind wir in Deutschland nicht mehr ausreichend vorbereitet«, meint Zippel, von einem militärischen Konflikt ganz zu schweigen.

Einen Konflikt hatte es damals auch um die Freigabe der Wieseckaue gegeben. Der SPD-Landtagsabgeordnete Manfred Mutz kritisierte den dafür zuständigen Landrat Ernst Klingelhöfer, der dies zurückwies. Ein Behelfsflugplatz weiter entfernt vom Depot hätte die Bevölkerung noch stärker belastet.

»Certain Reforger« war eines der letzten großen Herbstmanöver, zehn Jahre später begann der Abzug von Bundeswehr und US-Armee aus der Stadt. Nach der Umnutzung des Depots und der Bebauung des Motorpool-Geländes wird in Gießen so gut wie nichts mehr daran erinnern, dass sich im Herzen Europas einst die größten Militärblöcke der Geschichte gegenüberstanden.

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