09. August 2019, 21:32 Uhr

Bandenboss vermindert schuldfähig?

Bisher hatte der Bahoz-Boss vor dem Landgericht Gießen geschwiegen. Deswegen haben am Freitag andere über ihn gesprochen: Im Prozess gegen sechs Angeklagte, die mehrere Männer in einer Weststadtbar schwer gefoltert haben sollen, sagten der Bewährungshelfer des Kopfs der Gruppe und der psychiatrische Gutachter aus.
09. August 2019, 21:32 Uhr
al-khanak_khn
Von Kays Al-Khanak
In dieser Bar in der Gießener Weststadt haben sich im November regelrechte Gewaltexzesse abgespielt. (Foto: khn)

Seit Mitte Mai läuft der Prozess gegen die sechs Angeklagten aus der mittlerweile aufgelösten rockerähnlichen Gruppe Bahoz. Ihnen wird vorgeworfen, in einer Bar an der Rodheimer Straße an mehreren Tagen im November sieben Männer mit Bambusstangen, einer Rohrzange, einem Hammer, Schlägen und Tritten misshandelt zu haben. Einem Opfer wurde ins Bein geschossen. Der Grund: Der Kopf der Gruppe hatte ein Mordkomplott gegen sich gewittert. Seit Prozessbeginn schweigt der durchtrainierte Bandenboss. Nur einmal, als vom Richterpult aus private Chats mit seiner Lebensgefährtin vorgelesen wurden, beschwerte er sich lautstark. Am Freitag stand der Biebertaler erneut im Mittelpunkt: Sein Bewährungshelfer sagte aus. Außerdem stellte Dr. Jens Ulferts das psychologische Gutachten über den gebürtigen Kurden vor. Und das hat es in sich.

Denn Ulferts kann nicht ausschließen, dass der 35 Jahre alte Hauptangeklagte während der Gewaltexzesse in der Weststadtbar im November vergangenen Jahres vermindert schuldfähig gewesen sein könnte - wegen einer durch dessen Kokainkonsum verursachten Psychose. Sollte das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Jost Holtzmann dieser Einschätzung folgen, könnte es zu einer Verschiebung des Strafrahmens kommen - zugunsten des Biebertalers. Zuvor hatte Ulferts die Biografie des Mannes beleuchtet. Geboren in der Türkei, war der Kurde Mitte der 90er Jahre zusammen mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Die Schule hatte er ohne Abschluss verlassen - vor allem wegen der Sprachprobleme. Mittlerweile spricht der 35-Jährige sehr gut Deutsch. 1999 wurden seine Eltern in die Türkei abgeschoben. Er hätte bleiben können, entschied sich aber dafür, mitzugehen.

In der Türkei, schilderte Ulferts, arbeitete der Angeklagte als Verkäufer. Dort lernte er 2006 seine heutige Ehefrau kennen, die dort Urlaub machte. Kurze Zeit später heirateten die beiden; zusammen haben sie drei Töchter. Dass er seit vier Jahren eine außereheliche Beziehung führt, sei der Ehefrau bekannt. »Sie sei eifersüchtig, habe das aber zu akzeptieren«, zitierte Ulferts den Biebertaler.

2010 zog der Hauptangeklagte zu seinem Bruder nach Gießen. Dort war er bis 2014 als Gerüstbauer tätig, bezog zuletzt Arbeitslosengeld. In der Ederstraße eröffnete er den Boxclub »Lions 21«, aus dem der Gießener Bahoz-Ableger hervorging. Nach Problemen mit den Osmanen, einer türkisch-nationalistischen Gruppe, gab es den Umzug in die Rodheimer Straße. Dort in der Bar spielten sich im November die Gewaltexzesse ab.

Und die, betonte Ulferts, könnten mit dem Kokainkonsum des Biebertalers zusammenhängen. 2010 habe er diese Droge zum ersten Mal genommen - zum Partymachen. Vor seiner Verhaftung habe er mehrmals täglich konsumiert. In diese Zeit fällt laut Ulferts auch die »Wahnstimmung« des Biebertalers, die mehrere Wochen lang angehalten habe. Bezug nahm der Sachverständige auf die Aussagen einer Freundin und der Lebensgefährtin. Die hatten geschildert, wie sich der 35-Jährige zuletzt verändert habe. Aber auch auf die Aussagen des Bewährungshelfers, der vorher von zwei prägnanten Treffen mit dem Angeklagten erzählt hatte.

Haarausfall, Schlafmangel, Stress

Der 28 Jahre alte Bewährungshelfer schilderte, wie der Biebertaler bereits bei den ersten Treffen im Januar 2018 in einer anderen Strafsache angespannt gewirkt habe. Ab September habe sich dieser stark verändert und über Haarausfall, Schlafmangel und Stress geklagt - wegen wiederholter Razzien der Polizei. Später habe er abgemagert und bleich auf den Bewährungshelfer gewirkt. Undeutlich und zerfahren habe er erzählt, er werde ständig beschattet, gewisse Leute aus Gießen - der Staat, hinter denen eine Gruppe wie die Hells Angels oder ein Millionär stecken würden, wollten ihn loswerden. Unter anderem, weil er nicht dulde, wenn Drogen an Kinder verkauft würden.

Dass sich der Angeklagte in einem Milieu bewegte, in dem ein Mordkomplott nicht unrealistisch ist, wurde durch seine Andeutungen gegenüber dem Bewährungshelfer deutlich. Von Selbstjustiz war die Rede, von einem Prozess wegen Drogenhandels und dem Hinweis, dass seine Jungs wüssten, kein Kokain dürfe in seiner Wohnung gelagert werden - wegen der Razzien. Der Bewährungshelfer glaubt, der Biebertaler habe das Bedrohungsszenario verzerrt wahrgenommen.

Dazu passt auch die Diagnose des Sachverständigen. Ulferts sieht beim Hauptangeklagten eine beginnende drogenbedingte exogene - also therapierbare - Psychose. Seine Steuerungsfähigkeit während der Tatzeit könnte eingeschränkt gewesen sein - und damit auch seine Schuldfähigkeit. Auch wenn der Bandenboss gewusst habe, dass die Gewaltexzesse Straftaten sind. Ulferts empfahl unter anderem eine Unterbringung in einer Entzugseinrichtung. Der Hauptangeklagte, der sich in der Haft sichtlich erholt hat, habe bereits einer Therapie zugestimmt.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos