07. September 2017, 18:05 Uhr

Kinderrechte

Wenn Grundschüler mitbestimmen

Die Salzbödetalschule in Lollar ist eine von 20 Modellschulen für Kinderrechte in Hessen. Wie das Mitspracherecht von den Kindern gelebt wird und was sie sich von Eltern und Lehrern wünschen.
07. September 2017, 18:05 Uhr
Silke Teßmer (3. v. l.) erklärt zusammen mit den Schülern den anderen Lehrern, wie Kinderrechte an der Einrichtung in Salzböden im Alltag gelebt werden. (Foto: khn)

Ja klar, Kinder hätten natürlich Rechte. Aber würden die Lehrerinnen bitte schön darauf hinweisen, dass sie auch Pflichten haben? Mit Skepsis haben manche Eltern darauf reagiert, als die Salzbödetalschule im Lollarer Stadtteil 2015 eine von 20 Modellschulen in Hessen wurde.

Dort werden die UN-Kinderrechtskonvention umgesetzt und im Schulalltag eingebunden. Dabei sind Dinge wie Mitspracherecht oder das Recht auf individuelles Lernen schon lange Bestandteil der Salzbödetalschule. »Wir hatten nur keinen Namen dafür«, sagt Lehrerin Sabrina Ruckelshausen.

Die zehn wichtigsten Kinderrechte – von 54 der UN-Kinderrechtskonvention – klingen selbstverständlich: nicht benachteiligt oder von den Eltern gut betreut zu werden, zu spielen und sich zu erholen, bei Behinderung gefördert zu werden und am Leben teilnehmen zu können (siehe Kasten unten).

Doch Bildungspolitik, kritisiert der Bildungsverein Makista, beziehe die Kinderrechte zu selten mit ein. Gebraucht würden mehr Bildungseinrichtungen, die sich dafür engagieren.

Modellschulen in Garbenteich und Lollar


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Was sich Kinder wünschen (Foto: khn)

In Zusammenarbeit mit Unicef und dem Hessischen Kultusministerium hat der Verein deshalb seit 2010 ein Modellschulen-Netzwerk ins Leben gerufen, in dem die Einrichtungen unterstützt werden und die Lehrer sich austauschen können.

Die UN-Kinderrechtskonvention ist in Deutschland geltendes Recht und seit 2011 Bestandteil des hessischen Schulkonzepts. Prinzipien wie das Wohl des Kindes, Gleichheit, Schutz, Förderung und Partizipation sollen der Rahmen sein fürs Lernen und Leben in der Schule.

Kinder sollen ihre Rechte kennen- und ausüben lernen. Dafür schaffen die Schulen die Räume und Möglichkeiten. Ziel ist eine Kultur des Miteinanders. Im Kreis Gießen sind die Lückebachschule Garbenteich und die Salzbödetalschule Lollar beteiligt.

 

Kinder haben das Recht, in ihrem eigenen Tempo zu lernen

Lehrerin Teßmer

Mitspracherecht haben die 95 Kinder an der Salzbödetalschule schon länger. Sie organisieren Klassendienste mit, gestalten die Regeln, können aus Arbeitsangeboten wählen und sich im Schülerparlament einbringen.

Teßmer nennt das Beispiel einer Schülerin, die gerade Lust auf Rechnen hat und in diesem Drang nicht gebremst, sondern unterstützt wird. Als Lehrerin müsse sie aber darauf achten, dass am nächsten Tag zum Beispiel Lesen verstärkt geübt werde. Ruckelshausen betont: »Kinder haben das Recht, in ihrem eigenen Tempo zu lernen.«


Rapsongs der Kids

In einer Projektwoche konnten sich die Kinder jetzt ganz dem Thema Kinderrechte widmen. Deshalb hatte die Salzbödetalschule am Mittwoch Lehrer aus dem Netzwerk eingeladen, damit diese sich ein Bild vom Unterricht machen können. So durften sich die Kinder morgens jeden Tag neu in ein offenes Angebot einwählen.

Dort ging es um Themen wie »Wie Kinder früher lebten«, »Ich träume mir ein Land« oder »Was braucht ein Kind?« Außerdem konnten sie Rapsongs schreiben. So heißt es in einem Liedtext: »Behandelt Kinder gut, sonst haben sie keinen Mut.« In einem anderen schreiben die Schüler: »Kinder haben Rechte, sie sind keine Knechte. Sie spielen gerne Ball, das tun sie überall.«

Nachmittags besuchten die Kinder vier Tage lang ein festes Angebot. Dort beschäftigen sie sich mit Kindern in anderen Ländern, mit einem Kinderbuch über eine Flüchtlingsfamilie, mit den Rechten an der Schule oder mit der Frage, wie Kinder leben wollen.


Empathie wird gestärkt

Finden es die Kindern gut, dass ihre Schule ihre Rechte im Mittelpunkt stehen? Ja, sagen Pelle, Hendrick und Erik. »Wir finden es toll, dass wir mitbestimmen können.« So haben die Grundschüler beschlossen, eine Hütte fürs Spielzeug anzuschaffen.

Haben die Lehrerinnen den Eindruck, dass die Kinder zum Beispiel auf ihr Recht auf Freizeit pochen, um nicht im Haushalt helfen zu müssen? Ruckelshausen verneint. »Sie beziehen das Thema meist auf andere.« Auf den Freund, dessen Mutter nicht mehr zu Hause lebt, auf das Nachbarsmädchen, dessen Eltern nicht erlauben mitzuspielen. Das Beschäftigen mit ihren Rechten stärke ihre Empathie.

Die zehn wichtigsten Kinderrechte

Kinder haben das Recht...

- …nicht benachteiligt werden
- …gesund zu leben, Geborgenheit zu finden und keine Not zu leiden
- …bei ihren Eltern zu leben und von ihren Eltern gut betreut zu werden
- …zu lernen und eine Ausbildung zu machen, die ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht
- …zu spielen, sich zu erholen und künstlerisch tätig zu sein
- …sich zu informieren, mitzubestimmen und zu sagen, was sie denken
- …auf Schutz vor Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung
- …dass ihr Privatleben und ihre Würde geachtet werden
- …im Krieg und auf der Flucht besonders geschützt zu werden
- …bei Behinderung besonders gefördert und geschützt zu werden, damit sie aktiv am Leben teilnehmen können.

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