23. März 2021, 20:05 Uhr

Entsetzen nach Corona-Beschlüssen

Hessens Wirtschaft hat die jüngsten Beschlüsse des Corona-Gipfels als »schmerzhaft« bezeichnet und übt harte Kritik. Das hessische Gastgewerbe sieht im Dauerlockdown gar eine »existenzielle Katastrophe«.
23. März 2021, 20:05 Uhr
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Von DPA
Ausgeträumt: Im Februar gab es auch in Hessen noch die Hoffnung auf eine Öffnung der Außengastronomie um Ostern herum. Stattdessen wird es zum zweiten Mal ein Osterfest unter scharfen Corona-Bedingungen. SYMBOLFOTO: DPA

Die Notbremse sei nicht notwendig, weil etwa Teile der Wirtschaft zu schnell geöffnet worden seien. »Sie ist erforderlich, weil der Staat zu langsam ist: Beim Impfen, der Testorganisation, beim Nachvollziehen von Kontakten, beim Impfpass«, kritisierte Eberhard Flammer, Präsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK) gestern. »Von einem Lockdown in den nächsten zu taumeln, produziert Frust und Perspektivlosigkeit.« Das gehe bei vielen Betrieben an die Existenz.

Der Lebensmittelhandel, der täglich von Zehntausenden Menschen in Hessen besucht werde, beweise seit Monaten: Der Handel sei kein Infektionsherd. Zudem würde eine Öffnung der Außengastronomie mehr Sicherheit bedeuten, »weil sich die Menschen nach Monaten der Entbehrung nicht mangels Alternativen im Privaten treffen«, argumentierte Flammer. Hessens Wirtschaft übernehme in der Pandemie Verantwortung, das zeige sich auch beim Testen, sagte Flammer laut Mitteilung. Fast jeder zweite Betrieb biete regelmäßig Corona-Tests an oder starte in Kürze damit. »In kürzester Zeit und trotz unvollständiger Informationen wurde das organisiert«, sagte Flammer. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder haben in der Nacht zum Dienstag beschlossen, dass der seit Monaten andauernde Lockdown bis 18. April verlängert werden soll.

Ausstand der Hilfen beklagt

Das hessische Gastgewerbe hält die Bund-Länder-Beschlüsse zur Verlängerung des Lockdowns bis zum 18. April für verfehlt. »Der Dauerlockdown ist für unsere Branche eine zunehmend existenzielle Katastrophe«, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes DEHOGA Hessen, Julius Wagner, gestern in Wiesbaden und fügte hinzu: »Das Prinzip »Klappe zu, Affe tot« allein funktioniert nicht, so lange es keinen deutlichen Fortschritt bei der Impfquote gibt.«

Impfungen auch an Ostertagen

Seitens der Branche lägen alle Vorschläge einschließlich Schutzkonzepten auf dem Tisch. Die erneuten MPK-Beschlüsse ließen hingegen »jeden Schritt in ein verantwortungsvolles Leben mit der Pandemie bis zu deren vollständiger Zurückdrängung komplett vermissen«. Dabei sei es genau das, was nicht nur Gäste, sondern auch die Betriebe brauchten, um eine Chance zu haben.

Bis heute seien die November- und Dezemberhilfen noch immer nicht vollständig ausbezahlt, die aktuellen Wirtschaftshilfen deckten bei Weitem nicht die laufenden Kosten, die Unternehmer seien seit November 2020 ganz ohne eigenen Lohn. »Ohne eine deutliche und schnelle Anpassung der Entschädigungen wird so die Vielfalt von Hotellerie und Gastronomie zerstört«, so Wagner.

Die hessischen Impfzentren sollen auch über die Ostertage geöffnet bleiben. Das teilte das Innenministerium in Wiesbaden gestern auf Anfrage mit. Die Anzahl der in den Impfzentren stattfindenden Termine hänge mitunter von den jeweiligen Personalplanungen vor Ort ab, erläuterte ein Sprecher. Sie könne daher unterschiedlich ausfallen. »Landesweit gilt jedoch, dass über Ostern weiter geimpft wird.«

590 neue Fälle, Inzidenz bei 117,2

Innerhalb eines Tages sind in Hessen weitere 590 Corona-Infektionen registriert worden. Damit stieg die Zahl der Fälle seit Beginn der Pandemie auf insgesamt 206 793, wie aus Daten des Berliner Robert- Koch-Instituts vom Dienstag (Stand 3.18 Uhr) hervorgeht. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus erhöhte sich um 26 auf 6182.

Die landesweite Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen, stieg weiter an auf 117,2. Vor einer Woche hatte der Wert 89,1 betragen, und es waren 361 Neuinfektionen sowie 20 neue Todesfälle gemeldet worden.

Auf den Intensivstationen hessischer Krankenhäuser lagen nach Daten des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) 315 Covid-19-Patienten, 147 von ihnen wurden beatmet (Stand 7.19 Uhr). 1690 von 1956 verfügbaren Intensivbetten waren belegt, auch von Menschen mit anderen Krankheiten.

Schutz von Erntehelfern

Hessen sieht sich in der Corona-Pandemie beim Schutz von Saisonarbeitskräften vor dem Start der Erntesaison gut gerüstet. Im vergangenen Jahr seien 165 Betriebe mit 6000 Erntehelferinnen und -helfern wegen Schutzmaßnahmen gegen das Virus kontrolliert worden, teilte das Sozialministerium gestern mit. Über 90 Prozent der Betriebe hätten vorschriftsmäßig gearbeitet.



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